129 Jacques Bénazet aus Bordeaux ließ ab 1838 die Spiel- und Gesellschaftsräume erweitern, sein Sohn Edouard ab 1848 das Theater durch die neuen Casinoräume ersetzen. Sie wollten dem aufstrebenden Bürgertum einen Luxus bieten, wie ihn sich bis dahin nur Könige leisten konnten. Pariser Dekorateure entführten die Gäste in erfundene Landschaften und Räume. Die Spielsäle erhielten sogar die Namen der französischen Könige von Ludwig XIII. bis XVI. und der Mätresse Madame Pompadour. An diesen Epochen orientierten sie sich aber nur vage, und die Räume bilden keine klare Abfolge, fördern vielmehr zielloses Schlendern. Besonders auffällig sind deshalb die Übergänge von Saal zu Saal gestaltet, während die Verbindung zur Außenwelt an Bedeutung verliert. So entsteht im Innern eine Welt für sich. Die opulenten, massiv wirkenden Bauteile tragen nicht, die Räume und Landschaften der Malereien sind Illusionen, mit denen die Grenzen von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt werden. Gesamtkunstwerk Kurhaus Die unauffälligste, vielleicht sogar aber wichtigste Phase war die dritte: der komplette Umbau der Jahre 1912 – 17 zum „Kurhaus“, geleitet vom Baubeamten August Stürzenacker. Dem drohenden Abriss setzte er die technische und künstlerische Modernisierung entgegen. Ihm haben wir mindestens ebenso sehr wie Friedrich Weinbrenner und den Künstlern der Familie Bénazet das Kurhaus zu verdanken, das wir kennen, hat er doch die unterschiedlichen vorhandenen Qualitäten zusammen- und weitergeführt und ihren Erhalt gesichert. Mit seinen eleganten und zugleich luxuriösen Gestaltungen wollte er den Klassizismus Weinbrenners mit dem Neubarock der Bénazet-Räume versöhnen: ruhig gegliederte Wände und klassische Ornamente, veredelt durch auffallende Materialien und Farben, wie verschiedene Marmorsorten oder Goldmosaiken. Diese Verbindung von selbstbewusster Sachlichkeit und feierlicher Eleganz nahm den Stil des „Art-Déco“ der 20er Jahre vorweg. Zudem bereichern hochkarätige Kunstwerke die Räume mit ihren eigenständigen Welten. Stürzenackers Meisterwerk ist der Große Bühnensaal mit dem würdevollen Zugang über die mittlere Halle, die sechs Meter breite Treppe und das obere Foyer. Nach mehreren Umbauten ist im heutigen „Bénazet- Saal“ das beeindruckende Kassettengewölbe wieder frei- gelegt. Abgerissen, aber originalgetreu wiederaufgebaut wurde 1915 Weinbrenners Südflügel, für die Gastronomie vergrößert und innen neu eingeteilt. The Kurhaus Baden-Baden has been the heart of the city for over 200 years–an architectural landmark, social meeting place and stage for ele-gance. Built by Friedrich Weinbrenner as an open conversation house, it became a luxurious palace under the Bénazets. The careful renovation in 1912– 17 combined classicism and neo-baroque to create a total work of art. To this day, the Kurhaus combines history, style and timeless joie de vivre. Der große Kursaal 1845, Tony Johannot
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